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Das Wahre Gesicht des Sommers

Kolumnistin Yonni Meyer über die allseits beliebte Sonnenjahreszeit Sommer. Sie kommt zum Schluss: Wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. Viiiel Schatten.

Ich habe mich auf der Stelle in sie verliebt, als ich sie vor ein paar Monaten beim Frisör gesehen habe: die Philodendron. Ein unglaubliches Wucherding mit herzförmigen Blättern. Es war nicht unser erstes Treffen, nein, die Pflanze zierte früher schon die endlos langen Gänge der Schulhäuser meiner Vergangenheit. Seither hatte ich sie kaum mehr zu Gesicht bekommen. Weder im öffentlichen Raum, noch in Privatwohnungen.

Hach, der Sommer. Was haben wir ihn uns herbeigewünscht, als wir in dreckigem Matsch stehend auf den Bus warteten, als wir mit gefühlten 15 Paar Socken an den Füssen schlotternd im Bett lagen oder als wir zum dritten Mal am gleichen Tag unsanft auf unserem Hintern landeten. Sommer. La Dolce Vita. Die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Seins. Laue Nächte mit Freunden im Gartenrestaurant, Picknicks im Park, der Sprung ins kühle Nass. Nun ja. Kennen Sie diese Vergleiche von Werbung und Realität?

Diese Bilder von einem Hamburger, wie er vom Hersteller angepriesen wird – sieben Zentimeter hoch, fluffige Brötchen, saftiges Fleisch, frischer Salat – und wie er dann tatsächlich ausschaut? Also zerfleddertes Brötli, sieben Fleischbrösmeli und Salat wie frisch vom Kompost? – So ist’s auch ein bisschen mit dem Sommer. Der Hansdampf im Schnäggeloch bastelt sich nämlich während der kalten Monate gerne mal ein wunderbar idealistisches Bild von diesem Sommer zusammen. Die lauen Nächte mit den Freunden im Restaurantgarten finden nämlich nur statt, wenn dort nicht schon circa ein Viertel der Erdbevölkerung sitzt. Tut es aber.

Mit solch schönen Ideen ist man nämlich nie allein, schon gar nicht in der Stadt. Da ertönt auf ein «Mir hetted gern en Tisch für sächs, nei, mir händ nöd reserviert» anstatt eines «Mir lueged, was mer chönd mache» eher ein herzhaftes «Hahaha! Guter Witz! Adjö!». Dasselbe gilt für Picknicks im Park. Wenn man mit seinem Tuch die einzigen drei freien Quadratzentimeter ausmachen und schnappen kann, sitzt man da einerseits in der prallen Sonne, hat innert 45 Minuten einen Hitzschlag und darf sich andererseits seine mitgebrachten Köstlichkeiten mit einem ganzen Rudel Ameisen teilen, die einem zum Dank beim Tschüss-Sagen dann auch noch anpinkeln. Dasselbe tut der Hund des Picknick-Nachbars. Danke Lumpi! Und dann wäre da noch der sommerliche Badespass, mit dem man in seiner Fantasie natürlich auch komplett allein ist. Ähem. Die Badi verwandelt sich im Sommer in eine Art Menschensuppe und am See gelangt man kaum noch vom Tüechli ins Wasser, ohne dass man jemandem auf die Füsse, in ein Glacé oder auf einen Hund tritt.

Leert sich die Badi langsam und kommt man seinem Traum eines entspannten Bades näher, ist ihre Zeit gekommen: Moskitos! Der einzige Moment, wo mir diese Viecher je sympathisch waren, war am Anfang von «Jurassic Park» – und wir wissen ja, wie das rausgekommen ist … Sie mögen nun denken, ich sei eine Sommerpessimistin. Mitnichten. Denn wenn man den Tisch im Garten ergattert, das Plätzli im Halbschatten gefunden hat und erst einmal kopfüber in den See gesprungen ist, dann … ja, dann ist der Sommer mit Abstand die schönste aller Jahreszeiten. Bis einem dann beim Einschlafen eine Mücke am Ohr vorbeischwirrt.

Über die Autorin Yonni Meyer

Yonni Meyer, Psychologin und Autorin, schreibt über die ganz normalen Freuden und Leiden des Alltags – unterhaltsam und gesellschaftskritisch zugleich. Zu finden sind ihre Texte unter anderem auf dem Newsportal watson.ch oder auf ihrem Facebook-Blog «Pony M.». Sie verbindet gerne Modernes mit Altem und kombiniert dazu Trouvaillen aus unterschiedlichsten Möbelhäusern und Flohmärkten aus der ganzen Welt

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